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Lockruf der Asymmetrie

Der Wiener Fotograf Gerhard Aba zeigt in der Galerie mel contemporary bei der Vernissage am 14.02.2007 seine Artworks zum Thema Anderssein. Er ist kein Mainstream-Fotograf, er hat den Mut zur Darstellung von Frauen mit „Schönen Makeln“, was er als Ästhet durch seine anmutenden Bildern unter Beweis stellt. Er möchte den Blick für das Weibliche und die Schönheit des Andersseins schärfen, die jenseits aller Klischees ist. Dem Betrachter der Bilder springt die Harmonie und Zufriedenheit der Abgebildeten entgegen, jedes Foto erzählt eine offene Geschichte. Man spürt Abas Gabe, mit den Models durch Einfühlung, Zuneigung, Verständnis, Mitleben und Teilen im Dialog zu stehen. Aba geht es stets um das Leben und das Lebendige in den Facetten des Ungewöhnlichen. Die Bilder entstehen gemeinsam mit den Frauen und werden öfter als befreiender kommunikativer Prozess seitens der Frauen gesehen.

Interviews der Frauen, die von ihm fotografiert wurden, die von mir bei der Vernissage befragt wurden.
Model Rosi:
Ilse: Wie würdest du denn deine Stimmung beschreiben bei der Fotosession mit Herrn Aba?
Rosi: Es gab unterschiedliche Stimmungen: Am Anfang war ich total nervös, unsicher, wie ich in die Kamera schauen sollte. Ich hatte Hemmungen, mich mit meinem Makel zu zeigen und ein wenig Angst, seinen vermeintlichen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Je mehr er fotografierte, desto freier wurde ich und erkannte, dass Herr Aba (Gerhard) keinerlei Ansprüche an mich hatte.
Ilse: Ist es so, wie Franz es vorhin bei seiner Rede sagte, dass Gerhard machen lässt, es sei kein „Bilder machen“, sondern ein Zusammen Wirken. Und gerade das macht ihn aus. Empfindest du das auch? Das Fotoshooting empfand ich als ein unbeschreibliches Erlebnis, eine Reise zu mir selbst. Durch die große Freiheit, die Gerhard mir ließ, entwickelten sich ganz spielerisch und ohne große Worte Szenen mit zunehmender Eigendynamik, geprägt von Vertrauen, Charme und Witz. Es machte mir zunehmend Spaß, mich zum ersten Mal zwanglos mit meinem Makel auf unterschiedlichste Posen zu zeigen. Meine Entwicklung dokumentierend schoss Gerhard seine Aufnahmen.

Model Carmen:
Ilse: Was mich interessiert; wie ging es dir denn bei der Fotosession mit Gerhard Aba? Hat sie dein Leben irgendwie verändert?
Carmen: Ich war dem Fotografieren gegenüber eher negativ eingestellt, weil ich meine eigenen Fotos nicht sehen kann.
Ilse: Noch immer?
Carmen: Ich glaube, es ist jetzt dadurch besser geworden. Ich tu mich immer noch sehr schwer, aber es ist irgendwie schon besser geworden. Mein Selbstbewusstsein ist gestärkt und wir hatten beim Shooting eine Gaudi und einen Spaß gehabt.
Ilse: Das kann ich mir gut vorstellen, denn du bist jemand, der gerne lacht.
Carmen: Ja, schon. Das Leben ist viel zu kurz, um ein langes Gesicht zu ziehen.
Ilse: Bei vielen Fotografen es so ist, dass du dich hinstellst und irgendwelche Posen einnehmen musst. Dieses Fotoshooting, würdest du es auch so beschreiben, dass es eher ein Dialog war?
Carmen: Wir durften uns die Kostüme selber aussuchen. Man hat uns Kostüme zur Auswahl zur Verfügung gestellt. Dadurch fühlt man sich wohl damit, weil man es selber aussucht. Das ist wesentlich besser als wenn dir etwas aufgezwungen wird. So hat jede von uns das Passende gefunden. Das, was Gina sich ausgesucht hat, passt voll zu ihr. Als ich das lange Kleid gesehen habe, dachte ich mir: ja, das ist meins. Das hat mir gefallen!
Ilse: Es strahlt auch unheimlich viel Freude aus, finde ich. Wie siehst du das?
Carmen: Ja, das habe ich von Außenstehenden auch schon gehört. Selber kann man sich so schlecht beurteilen.
Ilse: Aber wenn du es betrachtest, geht es dir gut. Und glaubst du, Gerhard hat eine gute Wahl getroffen, indem er dieses Bild von dir für die Ausstellung ausgesucht hat?
Carmen: Auf jeden Fall!
Model Vivian:
Ilse: Wie war es denn für dich, von Gerhard fotografiert zu werden?
Vivian: Ich finde, dass es wunderbar ist, wenn man von einem Menschen wie Gerhard fotografiert wird, weil man viel selbstbewusster wird und ich fühle mich einfach als Frau.
Bevor ich Gerhard kannte, war ich nicht selbstbewusst, sehr traurig und nicht gut drauf, als ich ihn kennen gelernt habe. Er hat mich fotografieren wollen und ich dachte, wieso bloß will er ausgerechnet mich fotografieren? Dann hat er mich fotografiert und dann auf einmal bin ich aufgeblüht wie eine Blume. Seitdem fühle ich mich gut.

Im Zusammenhang mit dieser Vernissage gab Gerhard Aba ein Interview zu seiner Arbeit:

Interview Gerhard Aba Vernissage Lockruf der Asymmetrie (OT)
GERHARD ABA
Ilse: Wie hast du begonnen, diese Art Bilder zu machen?
Gerhard: Begonnen hat es mit einer Beziehung vor Jahren. Ich war damals ca.20 Jahre alt, habe da eine Frau kennen gelernt, wusste aber nicht, dass sie amputiert ist. Ich habe zwar bemerkt, dass sie hinkt, ich dachte, sie hatte vielleicht einen Skiunfall, aber es war mir egal. Ich habe nicht so darauf geachtet. Es waren ihre Augen, die mich fasziniert haben. Wir sind uns ein paar Mal begegnet und ich hätte nie geglaubt, einmal mit ihr auszugehen. Eines Tages trafen wir uns zufällig und gingen dann auf einen Kaffee, irgendwann Essen und sie erklärte sie mir vor dem Lokal, sie müsse jetzt unbedingt mit mir reden und einiges klar stellen, weil sie nicht schockiert sein möchte und schlechte Erfahrungen gemacht hat und dann sagte sie mir, sie hat nur einen Arm und ein Bein und sie trage Prothesen. Darauf hin fragte ich sie: ja, und, was ist jetzt, gehen wir jetzt essen oder nicht? Wir sind Essen gegangen und haben uns ineinander verliebt und waren 12 Jahre zusammen. In dieser Zeit habe ich sie hobbymässig fotografiert, ich war im Museum als Restaurator tätig, ich habe einige Fotos mit ihr gemacht, die ersten entstanden ca. 1980.
Ich interessierte mich immer mehr für die Fotografie und arbeitete im Museum für angewandte Kunst für einen namhaften Professor.
Er sah mein Talent als Fotograf und bat mich Ausstellungen zu machen. Da begann ich mit der Fotografie auf dem Museumssektor. Meine Freundin und ich trennten uns nach 12 Jahren, und ich begann eine Beziehung zu einer anderen Frau, mit einer „Zweibeinerin“, ich musste feststellen, dass das eine Bein im Weg war. Nach 12 Jahren mit einer einbeinigen Frau musste ich mich umgewöhnen. Ich wollte aber weitere Fotos dieser Art machen. Später, als Fotojournalist, hatte ich mehr Möglichkeiten auch im Ausland Frauen kennen zu lernen. Ich habe sie angesprochen und dann haben wir Fotos gemacht. Das waren die Anfänge, so hat es begonnen.
Ilse: Wann hattest du deine erste Vernissage mit asymmetrischen Bildern?
Gerhard: Die erste Vernissage mit diesen Bildern ist kam durch einen Zufall zustande. Ich wollte die Bilder nicht in der Öffentlichkeit herzeigen, weil ich immer das Gefühl hatte, die Zeit sei noch nicht reif dafür. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Akzeptanz, die Wahrheit gezeigt zu bekommen, noch nicht da war. Ich bin damals ins SMart-Cafe.gegangen und hatte 2 Mappen von mir mit. Es war ein Cafe, das ich schon immer besuchen wollte. Die Besitzerin kennt ihre Gäste und da kam dieser Kerl mit langen Haaren rein und so fragte sie ihn, er habe eine Mappe mit, ob er Künstler sei? Ich sagte, ich bin Fotograf und sie wollte die Bilder anschauen. Sie war fasziniert und fragte, ob ich nicht bei ihr eine Ausstellung machen möchte, die sie organisierte vor ca. 6 Jahren. Das war die erste Ausstellung, die ich hatte. Das SMart-Cafe ist ein Treffpunkt für Leute, die SM-Neigungen haben. Durch die Ausstellung stellte ich ich eine große Toleranz dieser Leute, mir und meinen Bildern gegenüber, fest. Sie waren sehr wissbegierig. Ich habe nur ein bisschen angst gehabt, ich dachte, sie tolerieren meine Arbeit, weil sie natürlich auch einer Minderheit angehören.
Damit begann es mit dem Präsentieren und dem Projekt. Kurz darauf habe ich Dr. Franz Palank kennen gelernt, mit dem ich später „Vom Charme des Makels“ machte.
Ilse: Hast du schon einmal darüber nachgedacht, amputierte Männer zu fotografieren?
Gerhard: Ich habe auch schon Männer fotografiert, aber aufgrund meiner eigenen Sexualität fotografiere ich lieber Frauen, es muss beim Fotografieren knistern.
Ilse: Ich durfte bei einer Fotosession dabei sein und habe miterlebt, dass da sehr viel passiert. Wie würdest du das aus deiner Sicht beschreiben?
Gerhard: Es ist jede Frau, die du vor der Kamera hast, eine andere. Bei mir ist in meinen Arbeiten in erster Linie mal eine hohe Vertrauensbasis und Harmonie sehr wichtig zwischen Fotograf und Model. Es ist ein ziemlicher Eingriff in die eigene Tabuzone , die jeder hat. Einer, der „normal“ ist und alle Gliedmassen hat, fällt es weitaus leichter sich vor die Kamera zu stellen. Er hat nicht die Scheu, die jemand hat, dem etwas fehlt, das ist ganz klar. Es war bei mir nie die Gier, jetzt Fotos zu machen, so ist es nicht. Man braucht in erster Linie den persönlichen Kontakt
Ilse: Weißt Du denn etwa, wie viele behinderte Frauen Du schon fotografiert hast?

Gerhard: Ich weiß es nicht genau, aber ich schätze, so ca. 400. So in 30 Jahren wird das hinkommen. Ich habe ein großes Archiv. Es sind einige Frauen dabei, die nicht in einer Ausstellung oder Publikation gezeigt werden möchten. Ich würde niemals etwas ohne das Einverständnis der Models veröffentlichen.
Ilse: Erzähl mir bitte von einem bewegenden Erlebnis!

Gerhard: Bewegende Erlebnisse gibt es einige aus dieser Zeit. Vor zwei Jahren gab es eine Situation beim Drehen von „Charme des Makels“. Ich sollte so tun, als ob ich Fotos machen würde, aber das kann ich nicht. An diesem Abend habe ich vier Frauen innerhalb von zehn Minuten fotografiert. Das war Stress! In der kurzen Zeit habe ich jede Person gefunden. Das sind die sechs Bilder, die in der Galerie hängen. Das war beinhart, aber das sind nicht die Normalbedingungen, unter denen ich Bilder mache. In dem Tempo, das die Frauen bestimmen. Ich distanziere mich von den Fotografen, die ständig vorgeben, welche Posen die Models einnehmen sollen. Ich versuche immer eine Brücke zwischen dem Fotografen und dem Modell zu bauen, der Dialog ist mir wichtig. Beide müssen einen Freiraum haben. Das braucht seine Zeit. Ich habe Vorstellungen von einer Inszenierung im Kopf, aber bei dem Shooting ist es oft anders. Das macht es für mich interessanter, wenn sich etwas anderes entwickelt. In dem Augenblick, in dem ich merke, dass die Frau sich öffnet und aus sich heraus geht, dann ist genau der richtige Zeitpunkt, wo Du selber als Fotograf sagen musst, dass genau dieser Zeitpunkt wichtig ist für die Frau. Dann fängt es an zu knistern.

Ilse: Hast Du schon mal eine Frau gefragt, ob du sie fotografieren darfst und sie hat dann abgelehnt?

Gerhard: Ja, das habe ich schon gehabt, aber nur drei Mal.

Ilse: Wie sind die Reaktionen nichtbehinderter Menschen auf deine Bilder bei einer Vernissage?

Gerhard: Ich selber habe noch nichts Negatives gehört. Bei meiner ersten Ausstellung sahen viele erst auf den zweiten Blick, dass den Frauen etwas fehlt.

Ilse: Was macht Frauen mit „Makel“ zu Deinen Lieblingsobjekten, die Du bildlich festhältst?

Gerhard: Es liegt in der Natur als Fotograf, dass ich für Zeitungen gearbeitet habe, Covers gemacht habe, die Schönen, Perfekten auch ein Teil meines Lebens waren, aber mich hat diese Perfektion erschreckt. Da kann ich ein Erlebnis erzählen, ich hatte ein Fotoshooting mit einer Frau für ein Coverfoto, ein Porträt. Sie erschien nicht zum Termin. Ich rief sie an, worauf sie sagte, sie kann nicht kommen, sie habe ein „Wimmerl (Pickel) am Arsch“. Deswegen konnte sie nicht für ein Porträt zum Fotoshooting kommen. Stell´ Dir vor, dieser Frau würde von heute auf morgen irgendetwas fehlen. Ich glaube, sie würde sich erhängen. (Morphophobie, Anm. d. Interviewerin) Die Probleme, die diese Frauen umgeben, kotzen mich an. Ich bin froh, dass ich eine andere Welt auch kenne. Für mich sind die behinderten Frauen, die ich fotografiere, die stärksten Frauen überhaupt. Dieser Stolz, die Selbstbestimmung und das Selbstbewusstsein! Ich finde Frauen interessanter, die anders sind als man es sich in der Gesellschaft vorstellt, „normal“ äußerlich. Mit ihnen kann ich mich besser unterhalten als mit aufgetakelten Tussis mit Wimmerln...

Ilse: Hat Dich schon einmal jemand angefeindet wegen der Bilder, die Du machst?

Gerhard: Nein, ist mir nicht bekannt. Ein Galerist allerdings bot mir an, Bilder auszustellen von „kompletten“ Frauen, er könne mit diesen Bildern nichts anfangen. Nachdem er „Charme des Makels“ gesehen hatte, sagte er, dass dieser Film ihn an einen amputierten Mann erinnerte, zu dem er guten Kontakt als Kind hatte. Dieser Mann half dessen Familie, wo er nur konnte. Er hatte auch den Charme dieses Mannes mit Makel plötzlich wieder vor Augen.

Ilse: Welche Intention steckt hinter dieser Vernissage, die Du jetzt hast?

Gerhard: Als Künstler solltest Du mit Deiner Kunst etwas transportieren. Als Künstler hat man eine gewisse Freiheit, die andere nicht haben. Eben auch die Freiheit, Bilder zu zeigen, die man normalerweise versteckt hält oder nicht zeigt. Für mich war diese Seite des Arbeitens mit Frauen, die amputiert sind, jedes Mal ein Highlight. Das, was mir immer wieder nach dem Shooting auffällt, dass sehr viele Frauen nachher plötzlich ihre Weiblichkeit gefunden haben, also noch mehr zu sich stehen. Sie sagen sich, ich bin eine Frau wie jede andere. Viele fühlen sich nach einer Amputation nicht mehr weiblich. Beim Mann ist das anders. Ein Mann ist immer noch ein Mann, wenn er amputiert ist. Eine Frau ist für viele nach einer Amputation ein Neutrum.

Ilse: Was ist deine Message an die Frauen?
Gerhard: Ihr seid schön, egal was. Mein Spruch ist: „ich liebe es, wie es ist“ Es ist Bestandteil des Lebens und kann jedem von uns passieren. Wenn mir etwas passieren würde, hätte ich kein Problem damit, denn ich habe von den Frauen viel gelernt. Es ist für mich eine ganz normale Sache.

Artikel in HANDICAP April 2007






 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
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