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BIID (Xenomelie)

"Sebastian" hat dieses Schriftstück entworfen und mir zur freien Verfügung überlassen. Vielen Dank dafür! Sebastian hat seine Erfahrungen, die er im Laufe von circa vier Jahren im Chat gesammelt hat, in mühevoller Kleinarbeit zusammengestellt.

Über Anregungen und Kritik hierzu würde ich mich freuen.


BIID: Psychische Erkrankung oder Spinnerei?

Vorausgesetzt, man ist mit einer gehörigen Portion Toleranz ausgestattet, kann man dem Amelotatismus, dass heißt letztlich der „Lust an der Behinderung“, noch ein wenig Verständnis abgewinnen und als Spinnerei oder Fetisch abtun.
Völliges Unverständnis wird dagegen dem Wannabe-Phänomen bzw. der BIID-Erkrankung entgegen gebracht, die als „Lust an der Selbstverstümmelung“ verurteilt werden.
Da BIID als „psychische Erkrankung“ bisher nicht anerkannt wurde, findet auch eine seriöse Forschung zu diesem Thema nicht statt. Im Internet findet man nur wenig erhellendes. Manche Medien nutzen das Wannabe-Phänomen bzw. BIID als reißerischen Aufmacher.

Apotemnophilie

Dr. John Money, Professor an der amerikanischen John-Hopkins-University und Sexualforscher schuf 1977 den Begriff „Apotemnophilie“ und beschrieb das Wannabe-Phänomen als extremen sexuellen Fetisch. Danach würden Betroffene ihre Gliedmaßen abtrennen, um besseren Sex zu haben.
Natürlich besitzt das Wannabe-Phänomen eine sexuelle Komponente. Insgesamt aber wird man dem Wannabe-Phänomen bzw. der BIID-Erkrankung mit dieser Einschätzung nicht gerecht.

Gibt es einen Unterschied zwischen Wannabe-Phänomen und BIID?

Ja, ganz klar.
Wobei zugegeben werden muss, dass die Abgrenzung zwischen Wannabe-Gefühlen und BIID nicht ganz einfach ist. Auch für die Betroffenen selber scheinen die Unterschiede nicht immer richtig wahrnehmbar zu sein. Zumindest nicht in der Selbsteinschätzung.

„Wenn man den Wannabes erlauben würde, sich legal amputieren zu lassen, würden die meisten wohl schnell kneifen!“, ist ein recht häufig zu hörender Spruch. Da mag etwas Wahres daran sein, aber die Sache ist auch deutlich komplizierter. Es geht also nicht um „echte“ und „falsche“ Wannabes, sondern um zwei verschiedene Phänomene, die allerdings sehr eng beieinander liegen.
Tatsächlich ist es notwendig, zwischen dem Wannabe-Phänomen und BIID zu unterscheiden.
Zur Abgrenzung der Versuch einer ersten Definition:

Die Wannabe-Neigung zählt zu den Sexualfetischen und kann mit dem Amelotatismus verglichen werden.
(Die „Lust an der eigenen Behinderung“)

BIID ist eine gestörte bzw. veränderte Wahrnehmung des eigenen Körpers und zeigt eher Nähe zum Phänomen der Transsexualität.

Warum ist eine Unterscheidung so wichtig?

Wie im folgenden noch darzustellen sein wird, ist BIID als psychische Erkrankung anzusehen, die der Behandlung bedarf. Solange jedoch BIID mit dem Wannabe-Phänomen verwechselt bzw. gleichgesetzt wird, zeichnet ich keine Entwicklung ab, die den BIID-Betroffenen Hilfe bringen könnte. Um sich von den Wannabes abzugrenzen, bezeichneten sich BIID-Betroffene auch schon als „Needtobes“, um zu verdeutlichen, dass BIID keine verquere sexuelle Spinnerei ist.




Das Wannabe-Phänomen


Wannabe-Phänomen Bei der Wannabe-Neigung zeigen sich Parallelen zum Amelotatismus. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Behinderung auf den eigenen Körper projiziert wird.

Amelotatismus : Projektion der Behinderung auf eine andere Person
(Wunsch, die Behinderung bei einer anderen Person zu erleben)

Wannabe-Phänomen : Projektion der Behinderung auf die eigene Person

Immer findet sich das Interesse an der Behinderung. So ist es keineswegs Zufall, dass sich Wannabes häufig gleichzeitig auch als Amelos sehen.
Bei dem Wannabe-Phänomen handelt es sich um eine von Person zu Person unterschiedlich stark ausgeprägte Phantasie, eine Behinderung selber an sich zu erleben. Bei Einigen findet sich immer die gleiche Phantasie (z.B. Querschnittlähmung, Oberschenkelamputation). Bei Anderen wechseln die Phantasien zwischen verschiedenen Behinderungsarten. Auffallend häufig findet sich der Wunsch nach einer einseitigen Oberschenkelamputation. Ebenso findet sich aber auch das Verlangen, einen Arm zu verlieren, oder gleich mehrfach amputiert zu werden. Eine weitere Gruppe bilden jene BIID-Betroffenen, die eine Querschnittlähmung erhalten wollen. Deutlich weniger findet sich der Wunsch nach Sinnesbehinderungen. Ähnlich wie bei den Amelotatisten, scheinen verschiedene Motive diesen Wünschen nach Behinderung zu Grunde zu liegen.


Motive

Die Fürsorge-Wannabes

Ähnlich dem Helfersyndrom beim Amelotatismus scheint es bei der Wannabe-Neigung ein Fürsorgemotiv zu geben. Danach suchen die Betroffenen nach besonderer Zuwendung und Aufmerksamkeit.


Beispiele solcher Phantasien:

1. Eine Frau träumt davon, durch einen Unfall oder Krankheit eine Behinderung zu erfahren, durch die sie im Freundeskreis ausgegrenzt wird. Es erscheint dann der Prinz (der Amelo), der die behinderte Frau endlich als Frau akzeptiert. Es kommt zu einer innigen Beziehung mit einem erfüllten Sexualleben, welches die Behinderung stark einbezieht.

Oder:

2. Eine Frau träumt davon, dass sie gleich vierfach amputiert wird, so dass sie völlig hilflos wird und ständig auf Fürsorge (waschen, Toilette, Füttern, …) angewiesen ist und umsorgt werden muss.


Partial-Wannabes

Bei Partial-Wannabes besteht eine starke Fixierung auf den Amputationsstumpf. Auffallend ist, dass insbesondere auch Partial-Wannabes eine sehr konkrete Vorstellung von der Form ihres Stumpfes besitzen. Beim erträumten Sex mit dem Partner steht der Stumpf im Mittelpunkt, wird von beiden Seiten bewundert und erweist sich als hoch erogen. So findet sich auch die Deutung des Stumpfes als Phallussymbol.

Maso-Wannabes

Ähnlich wie es sich bei den Amelotatisten ein Sado-Motiv gibt, findet sich bei den Wannabes ein Maso-Motiv, verstanden als die „Lust am eigenen Leid“. Deutlich wird dies an Phantasien, die bestimmten Stereotypen folgen. Dabei verknüpften sich Amputations- mit Gewaltphantasien, indem eine andere Person die Hilflosigkeit ausnutzt und es zu psychischer und körperlicher Gewalt kommt. Verschiedentlich verbindet sich dies mit Vergewaltigungsphantasien.

Beispiel:
Eine Frau wir durch Unfall amputiert, erfährt dies, als sie im Krankenhaus aufwacht, bricht nervlich zusammen und leidet in der Folgezeit stark unter den Einschränkungen, die die Behinderung mit sich bringt.

oder:
Eine Person wird Opfer einer Entführung. Zur Bestrafung werden dem „Opfer“ Körperteile amputiert. Manchmal auch schrittweise, ohne dass die Person irgendwelche Hilfen erfährt.



Apotemnophilie

Eine besondere „Spielart“ scheint die Apotemnophilie zu sein, bei der die „Lust“ aus dem Amputationsvorgang selber entsteht. Ein sehr drastisches Beispiel verknüpft sich zusätzlich mit kannibalistischen Motiven.

Beispiel:
So erzählt eine Person von ihrer Phantasie, bei vollem Bewusstsein miterleben zu wollen, wie Personen ihres Vertrauens ihr ein Körperteil nach dem anderen amputieren und in Anwesenheit anschließend verspeisen.Bei wiederum einer anderen „Spielart“ steht das amputierte Körperteil im Mittelpunkt der Phantasie. Dabei soll beispielsweise das amputierte Bein oder der Arm wie eine Trophäe präpariert, ausgestellt und bewundert werden.

Behinderung als Lustgewinn

Bei allen Unterschieden ist den Phantasien gemeinsam, dass die Behinderung mit „Lust“, in der Regel auch sexueller Lust, verbunden wird.



Phantasie oder realer Wunsch?

Die vorstehenden Beispiele erscheinen drastisch. Dabei ist zu bedenken, dass es sich in der überwiegenden Zahl um Phantasien handelt. Diese sind allerdings unterschiedlich stark ausgeprägt. So gibt es Frauen und Männer, die in sehr starkem Maße von diesen Phantasien eingenommen werden. Andere wiederum tragen die Wannabe-Phantasien als „Tick“ mit sicher herum, der sie ab und zu in Tag- und Nachtträumen einholt, der aber in keinem Zusammenhang zum realen Leben steht.Hier ist zwischen „aktiven“ und „passiven“ Wannabes zu unterscheiden.

„passive“ Wannabes

Bei passiven Wannabes spielt sich Phantasie alleine im Kopf ab.

„aktive“ Wannabes

Aktive Wannabes versuchen ihre Phantasien in soweit real auszuleben, als sie pretenden. (s.u.) Eine weitere Möglichkeit, seine Träume auszuleben, bietet das Internet. Ähnlich Rollenspielen wird in Chatrooms der Traum von der Behinderung „gespielt“.

Der Unterschied zwischen Wannabe-Phänomen und BIID

Was unterscheiden nun diese vorstehenden Wannabe-Phantasien von BIID? Sowohl Wannabes als auch BIID-Betroffene sehen sich in ihren Phantasien schließlich als amputiert oder gelähmt.

Veränderte Körperwahrnehmung

Bei dem BIID-Betroffenen verwandelt sich die Phantasie von einer Behinderung zu einem realen Körpergefühl. BIID-Betroffene besitzen das Gefühl, im falschen Körper zu leben. Sie bezeichnen ihren Körper als „nicht perfekt“ oder „übervollständig“, Die zu amputierenden Körperteile werden als Fremdkörper, als Belastung, empfunden.
(„Ich hasse meine Beine!“)
Es wird häufiger der Vergleich zur Transsexualität gezogen, bei der die Betroffenen gezwungen sind, im Körper des falschen Geschlechts zu leben.




Lust und Leid

Woran kann man aber nun erkennen, ob „lediglich“ starke Wannabe-Gefühle oder aber eine BIID-Erkrankung vorliegt?

Hierfür gibt es noch keine klare Diagnostik. Es scheint aber einige Merkmale zu geben, die als Indikatoren für BIID dienen können:


Klares Körperbild

BIID-Betroffene tragen ein sehr konkretes, in der Regel sich nicht veränderndes Körperbild in sich. Sie können auf den Zentimeter genau angeben, an welcher Stelle sie amputiert werden wollen oder wie hoch die Lähmung sitzen soll. D.h., sie können klar beschreiben, welcher Teil des Körpers als Fremdkörper empfunden wird.

Leidensdruck

BIID-Betroffene empfinden keine Lust bei der Vorstellung operiert zu werden. Vielmehr baut sich über Jahre hinweg durch das Gefühl, im falschen Körper zu leben, ein starker Leidensdruck auf, dieser Leidensdruck zeigt sich in unterschiedlicher Form. Bei Vielen ist er permanent vorhanden, bei Einigen verläuft er eher wellenförmig, d.h. die Betroffenen erleben Phasen, in denen der Leidensdruck als besonders stark und quälend empfunden wird.
Allen ist gemeinsam, dass der Leidensdruck mit der Zeit immer stärker wird. Der Gedanke, den falschen Körper zu besitzen ist permanent vorhanden und beeinflusst die Lebensqualität schließlich erheblich. So empfinden (erhoffen) alle BIID-Betroffenen für sich, dass durch eine Operation (Amputation, geschaffene Lähmung) die Lebensqualität deutlich verbessert wird.

Pretenden

Alle BIID-Betroffenen pretenden, um den „Druck“ abzubauen. Dabei muss die „Dosis“ ständig erhöht werden. Es wird, soweit die Lebensumstände dies überhaupt zulassen, immer häufiger und länger pretendet, wobei die „Entlastung“ immer geringer ausfällt.

Wunsch nach Hilfe

BIID-Betroffene wollen konkrete Hilfe, denn durch ihre BIID-Erkrankung spüren sie einen deutlichen Verlust an Lebensqualität. In erster Linie findet sich dabei der Wunsch, den Körper zu bekommen, der als Bild schon lange im Kopf vorhanden ist. Andere, die die Chance auf eine körperverändernde Operation eher als gering einstufen, hoffen, durch eine Psychotherapie von BIID geheilt zu werden.

Wie entsteht BIID?

Zur Entstehung von BIID, insbesondere auch in Abgrenzung zum Wannabe-Phänomen, gibt es bisher keine überzeugenden Erklärungen.

Typische BIID-Lebensläufe

Ein typischer BIID-Lebenslauf lautet:

In jungen Jahren, oft bereits vor der Pubertät, werden Behinderte im sozialen Umfeld bewusst wahrgenommen. Spätestens ab der Pubertät, oft schon früher, entwickelt sich dann der Wunsch, diese Behinderung an sich selber zu spüren, was zum pretenden, d.h. zum „nachspielen“ einer Behinderung führt. Zu Beginn hat das Pretenden eher etwas spielerisches. Mit der Zeit wird der Drang zum Pretenden jedoch immer stärker. Das Pretenden wird als immer unbefriedigender empfunden und der Wunsch, die Behinderung real zu besitzen, immer dominanter. Als junger Erwachsener nimmt der Leidensdruck dann so stark zu, dass von einer BIID-Erkrankung gesprochen werden muss.

Wurzel Amelotatismus?

Entwickelt sich BIID aus einer Amelotatismus-Wurzel, oder ist die Ähnlichkeit mit Amelotatismus nur eine zufällige? Trägt der BIID-Betroffene das veränderte Körperbild bereits in sich und wird der Wunsch mit der Entwicklung nur „zum Leben“ erweckt, oder entwickelt sich BIID im 2. und 3. Lebensjahrzehnt aus Wannabe-Phantasien heraus, die sich „verselbständigen“?

Zwei Modelle sind denkbar:

Modell 1

Schlüsselerlebnis
bzw.
erste bewusste Wahrnehmung von Behinderung im Kindesalter

Amelotatistische Phantasien Neugier, die Behinderung am eigenen Körper zu spüren
(pretenden)
Entwicklung von Phantasien
(Wannabe-Phänomen)

„Verselbständigung“ der Phantasien
(BIID-Erkrankung)


Nach dem vorstehenden Erklärungsmodell könnte man BIID für eine Wannabe-Neigung halten, die sich „verselbständigt“.
Aber ist dies wirklich so?

Vielleicht gibt es auch folgendes Entwicklungsmodell:




Entwicklung einer bereits im Kinderalter vorhandenen BIID-Erkrankung latent verändertes Körperbild seit der Kinderzeit
Schlüsselerlebnis
bzw.
erste bewusste Wahrnehmung von Behinderung
(„Erwecken“)
Neugier, die Behinderung am eigenen Körper zu spüren
(pretenden)

„Verselbständigung“ der
Phantasien
(BIID-Erkrankung)


„Point-of-no-return“? Einige BIID-Betroffene schildern, dass das starke Gefühl, nicht den „richtigen“ Körper zu besitzen, nicht bereits in der Jugend spürbar war. Vielmehr scheint es eine Art „BIID-Karriere“ zu geben, die mit dem eher spielerischen Pretenden, dass heißt, dem Simulieren einer Behinderung beginnt, um am eigenen Körper zu spüren, wie sich eine Behinderung anfühlen könnte. In späteren Jahren intensiviert sich dann dieses Verlangen und nimmt suchtartige Züge an mit immer häufigerem und immer längerem pretenden. Aus dem „Spiel“ wird schließlich reales Verlangen.
Handelt es sich bei BIID also um Wannabe-Phantasien, die sich verselbstständigt haben und über die der Betroffene keine Kontrolle mehr besitzt?
Gibt es somit so etwas wie einen „Point-of-no-return“, ab dem sich die Wannabe-Phantasien in eine BIID-Erkrankung verwandeln?

Vielleicht ist dies so.
Andererseits entwickelt sich aus Wannabe-Phantasien nicht zwangsläufig eine BIID-Erkrankung. Auch wenn einige Wannabes die entsprechenden Phantasien sehr regelmäßig und intentsiv in Tag- und Nachtträumen erleben, stellt sich dann doch der Schritt zur BIID-Erkrankung nicht immer ein.

Klärungsbedarf Gerade zur Entstehung von BIID ist noch viel Grundlagenarbeit zu leisten, um zu möglichen Therapieformen zu finden.
Kann es möglich sein, dass bei dem rechtzeitigen Einsetzen von Therapien im „Wannabe-Stadium“ eine Heilung zumindest aber Linderung noch möglich ist, während nach dem Überschreiten des „point-of-no-return“ dies nicht mehr möglich ist?

Ursachenforschung für
den Theraphieansatz Für die Entwicklung möglicher Therapien ist die Ursachenerforschung von grundlegender Bedeutung. Ist das Körperbild des BIID-Betroffenen bereits in der Kinderzeit im Kopf abgelegt, dann wären die Theraphie-Möglichkeiten sicherlich andere, als wenn sich BIID in späteren Jahren als „Sonderform“ aus amelotatistischen Neigungen und Wannabe-Phantasien entwickelt.



Anerkennung von BIID als psychische Störung


BIID-Betroffene hoffen darauf, dass BIID in das DSM, das ¸¸Diagnostische und Statistische Manual psychischer Störungen" aufgenommen und damit als Krankheit anerkannt wird.
Das Problem von dem
Huhn und dem Ei Dies setzt aber wohl voraus, dass sich mit dem BIID-Phänomen überhaupt wissenschaftlich auseinandergesetzt wird. Solange es aber an der grundsätzlichen Bereitschaft fehlt, BIID als Erkrankung wahrzunehmen, wird auch keine intensivere wissenschaftliche Forschung einsetzen.

Über die Gründe, warum sich bisher keine Universität mit dem Problemkreis BIID befasst, kann nur spekuliert werden. BIID ist keine Erkrankung, die als „Massenphänomen“ wahrgenommen wird. Eine amerikanische Quelle benennt, dass jeder 30.000-ste betroffen wäre. Damit ist wohl für Außenstehende kein akuter Handlungsbedarf erkennbar.
Die Beschäftigung mit BIID „strapaziert“ das medizinische Selbstverständnis zudem in starkem Maße. Ein Wissenschaftler, der sich mit BIID beschäftigt, kann nicht damit rechnen, bei dem größeren Teil seiner Berufskollegen und in der Gesellschaft auf Verständnis zu stoßen. Damit ist zu bezweifeln, ob sich eine wissenschaftliche Beschäftigung mit BIID karrierefördernd auswirkt.
Andererseits ist es in der Wissenschaft nicht ungewöhnlich, sich auch mit schwierigen Phänomenen zu beschäftigten, was vielleicht dann doch wieder etwas Mut macht.

Ansätze wissenschaftlicher Bewertung

Die öffentliche Wahrnehmung des Phänomens begann 1977, als drei amerikanische Psychiater erstmals über Apotemnophilie schrieben, wörtlich: „die Lust am Abschneiden“. Auswirkungen hatte dieser Beitrag nicht.

Bekannt wurde das Handeln des schottischen Arztes Robert Smith aus Falkirk, der im Februar 2000 zwei gesunden Menschen die Beine amputierte.
Die BBC berichtete über diese Operationen, was zu heftigen Reaktionen führte. Die Ärztekammer und das Schottische Nationalparlament verboten weitere Eingriffe. Zum Einen gab es erhebliche ethische Bedenken. Gleichzeitig befürchtete man einen Anstrum von BIID-Betroffenen. (TAZ, 6.4.2006)
Kurz darauf verfasste jener Robert Smith mit dem New Yorker Kinderpsychologen Gregg Furth, einem Schüler von Kübler-Ross, Co-Autor des Aufsatzes von 1977 (s.o.), ein Buch über BIID. Die beiden Wissenschaftler vergleichen BIID mit anderen „angeborenen Konditionen" wie Homosexualität oder Alkoholismus. (SZ, 16.12.2005) Darin stellt Furth die These auf, dass "Therapie, Medikamente und Operationen eingesetzt werden dürfen, damit die Betroffenen vollständig leben können". (TAZ, 6.4.2006) Dabei ist zu berücksichtigen, dass Furth selber BIID-Betroffener ist.

Auch die TAZ beschäftigte sich immerhin in einem Titel am 6.5.2006 mit dem Thema BIID. Der Artikel war vergleichsweise sachlich, wenn auch der Titel „Die Lust am Abschneiden“ die Problematik überhaupt nicht traf.

BIID als Sonderform von BDD?
Dr. Kathrine Phillips, Psychologie-Professorin an der amerikanischen Brown University und anerkannte Expertin für „body dysmorphic disorder“ (BDD), äußerte die Vermutung, dass es sich bei BIID eventuell um eine besondere Form von BDD handeln könnte.
Bei BDD haben die Betroffenen, wohl in der Überzahl Frauen, ein gestörte Wahrnehmung ihres eigenen Körpers. So wird der eigene Körper in der Regel als hässlich empfunden, was unter anderem zu einer Vielzahl oft völlig unnötiger Schönheitsoperationen führt.

BIID-Betroffene mögen hier sofort Parallelen sehen.
„Die eine BDD-Betroffene hält ihre Nase für zu lang, ich mein Bein!“
Dr. Kathrine Phillips ist sich jedoch nicht sicher, ob eine solche Gleichsetzung zulässig ist. BDD-Betroffene möchten immer perfekter aussehen und einem allgemeinen, gesellschaftlicher Norm entsprechenden Schönheitsideal entsprechen. Bei BIID-Betroffenen gehe es dagegen nach allgemeiner Auffassung um eine Form von Verstümmelung.
Hier wiederum wird von BIID-Betroffenen eingewendet, dass es auch ihnen darum gehe, in einem für sie selber perfekten Körper zu leben.

Folgen der BIID-Erkrankung
Isolation

Wannabes und BIID-Betroffene haben mit Amelotatisten gemeinsam, dass sie sehr schnell erkennen, dass ihre Gedanken nicht gesellschaftlicher Norm entsprechen. In den allermeisten Fällen wissen daher nicht einmal die Lebenspartner und engsten Familienangehörigen von der sehr speziellen Neigung.
BIID-Betroffene sind in soweit in einer besonders schwierigen Position, als sie auf der einen Seite Hilfe erfahren wollen, auf der anderen Seite aber extreme Angst haben, für geisteskrank erklärt zu werden und in der Psychiatrie zu landen.
Dies führt in sofern zur Isolation, als ständig ein Teil der Persönlichkeit unterdrückt und verschwiegen werden muss. Ähnlich den Transsexuellen spüren sie permanent, im „falschen“ Körper zu leben und müssen erkennen, dass eine Verbesserung der Lebenssituation nach derzeitigem Stand zumindest auf legalem Wege kaum zu erreichen sein wird.

Depressionen Suizidgefährdung

Es ist erkennbar, dass durch BIID Depressionen ausgelöst oder Betroffene suchtanfällig werden. Bei Einigen führt der stetig zunehmende Leidensdruck zur Suizidgefährdung.

Flucht in die Illegalität

Da BIID-Betroffene derzeit keine ernsthafte Hilfe von medizinischer Seite erfahren, sucht Mancher Hilfe auf illegalem Wege. Gegen entsprechend hohe Zahlungen lassen sich insbesondere in Schwellenländern Ärzte finden, die bereit sind, Amputationen durchzuführen. Die Zahlen, wie viele BIID-Betroffene sich tatsächlich einer Operation unterziehen, gehen weit auseinander. In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung von Dezember 2005 wird von ca. 100 Europäern und ca. 200 Amerikanern berichtet, die jeden Monat in einem Entwicklungsland operiert werden. Eine andere Quelle nennt etwa 25 Personen aus Deutschland, die sich pro Jahr einer Operation unterziehen. Da diese illegalen Amputationen für beide Seiten mit höchstem Risiko verbunden sind, ist die Szene extrem abgeschlossen. Viele BIID-Betroffene suchen geradezu verzweifelt alle möglichen Kanäle im Internet ab, um ebenfalls an Adressen entsprechender Ärzte zu gelangen.

Selbstverstümmelung

Dies führt dazu, dass einige BIID-Betroffene für sich nur den Weg der Selbstverstümmelung sehen oder sich derartige Verletzungen selber herbei führen, so dass auch hiesige Ärzte gezwungen werden, Amputationen durchzuführen. Neben den unterschiedlichsten Formen, sich mit großer Gewalt auf mechanischem Wege Gliedmaßen abzutrennen, wird mit Injektionen oder künstlich herbei geführten Erfrierungen experimentiert. Diese Formen der Selbstverstümmelung sind mit extrem hohem Risiko verbunden und zeigen den Grad des Leidensdrucks auf, bei dem sogar eine akute Lebensgefährdung in Kauf genommen wird. Die Flucht in die Illegalität und die lebensgefährlichen Versuche der Selbstbestimmung belegen, dass die Einschätzung von BIID als verquere sexuelle Phantasie falsch ist.

Theraphieansätze


BIID-Betroffene beschreiben sich selber als „krank“ und wollen Heilung erfahren. Dabei werden verschiedene Theraphieansätze diskutiert:

Psychopharmaka

Es wird überlegt, ob der Leidensdruck durch den Einsatz von Psychopharmaka so reduziert werden kann, dass sich eine spürbare Verbesserung der Lebenssituation einstellt. Die Vorstellung aber, für Jahrzehnte Medikamente einnehmen zu müssen, ist für BIID-Betroffene kaum vorstellbar.

Psychotheraphie

Psychotherapeutische Maßnahmen scheinen viel angebrachter. So scheinen die Ziele der Psychotheraphie auch klar zu sein. Dem BIID-Erkrankten muss ein verändertes Körperbild (zurück-)gegeben werden. D.h., dass beispielsweise das Bein oder der Arm, die bisher als Fremdkörper empfunden werden, dann als zugehöriger Teil des eigenen Körpers wahrgenommen werden. Im Jahr 2005 veröffentlichte Michael First, Psychiater an der Columbia-Univerität in New York, eine Studie, die auf der telefonischen Befragung von 52 BIID-Betroffenen basierte. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass eine therapeutische Behandlung zwecklos sei. Allerdings gibt es bisher auch keine ernsthaften Theraphieansätze, Einige BIID-Betroffene haben bereits die Hilfe von Psychotherapeuten gesucht und schlechte Erfahrungen gemacht.
(„Macht bloß einen weiten Bogen um alle Psychos!!“)
Diese negativen Erfahrungen rühren aber wohl daher, dass es bisher keine gezielten Theraphiemodelle gibt und daher die Psychotherapeuten versuchen, „mit gesundem Menschenverstand“ der Aufgabe gerecht zu werden. BIID scheint aber so komplex zu sein, dass unerfahrene Therapeuten wohl kaum Erfolge erzielen werden.


Frühzeitige Behandlung

Auffallend ist, dass es wohl eine Entwicklung von eher spielerischen Wannabe-Phantasien hin zur BIID-Erkrankung gibt (s.o.). Damit stellt sich die Frage, ob durch eine rechtzeitige Theraphie im „Wannabe-Stadium“, also zu einem recht frühen Zeitpunkt, eine erfolgreiche Behandlung möglich ist. Dazu gehört Professionalität. Dabei würde es bereits genügen, wenn es bundesweit eine einzelle Anlaufstelle gäbe, die auf dem Gebiet von BIID entsprechend erfahren ist. Aber dies scheint Zukunftsmusik.

Operation

Die meisten BIID-Betroffenen sehen alleine in einer Operation, d.h. der Amputation des als fremd empfundenen Körperteils oder der Durchtrennung des Rückenmarks, eine Heilung. Dies ist allerdings ein Schritt, den die Medizin bisher nicht mitgehen will. Tatsächlich verdreht sich hier in bisher kaum gekannter Weise der Begriff von „Heilung“. Kann eine Operation, die üblicherweise nach schwerer Krankheit oder Unfall für einen Betroffenen zu Schwerbehinderung, Einschränkung und Verlust von Lebensqualität führt, im Einzelfall „Heilung“ und „Verbesserung der Lebensqualität“ darstellen? Dieses grundlegende Problem soll in den folgenden Abschnitten wieder diskutiert werden.


Ersatz-Operation

Muss es aber wirklich immer die vollständige Amputation sein?

Es wurde der Fall von einem BIID-Betroffenen bekannt, der sein Bein im Oberschenkel amputiert bekommen haben wollte. Um den starken Leidensdruck abzubauen, wurde ihm als „Ersatz“ ein Glied des Mittelfingers abgenommen. Angeblich stellte sich eine deutliche Verbesserung der psychischen Verfassung ein. Welche psychischen Effekte hier greifen, und ob dies tatsächlich eine Form der „Heilung“ oder zumindest „Linderung“ darstellen kann, wurde natürlich bisher nicht näher untersucht.

Streitfall Operation

Zu dem Vorhaben, BIID-Betroffenen mit Hilfe der Psychotheraphie zu helfen, wird relativ schnell ein allgemeiner Konsens herzustellen sein.
Heftigste Diskussionen löst allerdings der Wunsch der BIID-Betroffenen aus, durch entsprechende Operationen (Amputationen, Durchtrennung des Rückenmarks) den Körper zu erhalten, der als Bild im Kopf vorhanden ist. Tatsächlich strapazieren diese Formen von Theraphie das bisherige Bild von Behinderung und Heilung in extremer Weise.

Im folgenden sollen einige Aspekte diskutiert werden.

Heilung durch Operation (?)
„Mein Körper gehört mir!“ BIID-Betroffene, die sich nach einer Operation sehnen, führen immer wieder an, dass es nur um ihre persönliche Heilung von einer psychischen Erkrankung ginge. Dass sie niemandem zur Last fallen wollen, keine Forderungen an die Gesellschaft stellen und keinem Menschen mit Behinderung irgendwelche Rechte streitig machen wollen. Gemäß dem Gesichtspunkt „Mein Körper gehört mir!“ wollen sie nur jenen Körper erhalten, der ihrem eigenen Körperbild entspricht. Sie beklagen, dass man ihnen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben verwährt.

Tatsächlich ist die Problematik jedoch deutlich komplexer.
Die Beurteilung von BIID ist so schwierig, weil

- medizinische
- ethische und
- soziale Aspekte

gleichermaßen zu berücksichtigen sind.
Alle drei Aspekte verknüpfen sich in vielfältiger Weise miteinander.

Zu beleuchten ist nicht nur die Sichtweise der Betroffenen. Operationen zur Behandlung von BIID rütteln am gängigen Selbstverständnis der Medizin und natürlich ist auch das soziale Umfeld und letztlich die Gesellschaft betroffen. Selbst wenn es in absehbarer Zeit gelingen sollte, BIID als psychische Krankheit anzuerkennen, bedeutet dies noch lange nicht, dass damit alle ethischen und sozialen Fragen geklärt wären.

Nachfolgend soll versucht werden, die unterschiedlichen Aspekte darzustellen.

Heilung oder Verstümmelung?

„Es kann doch wohl nicht sein, das man von einem Arzt verlangt, einen gesunden Menschen zu verstümmeln!“, lautet ein zentraler Einwand gegen die Operation von BIID-Erkrankten.
Bei BIID-Betroffenen stellen sich sofort zwei Fragen:

1. Sind BIID-Betroffene gesund oder krank?

2. Kann eine Amputation bei einer psychischen Erkrankung Heilung bringen?

Die Beantwortung dieser beiden Fragen ist von grundlegender Bedeutung für die Bewertung von BIID und deren Folgen.

Sind BIID-Betroffene gesund oder krank?

Nach dem derzeitigen Wissensstand ist BIID – nicht das Wannabe-Phänomen – als psychische Erkrankung anzusehen, auch wenn die offizielle Anerkennung noch aussteht.


Kann eine Amputation bei einer pschischen Erkrankung Heilung bringen?

Dass eine Amputation nach einem Unfall oder bei einer schweren Erkrankung lebensrettend sein kann und Heilung bringen kann, ist unumstritten. Dies geschieht jedes Jahr in vielen tausend Fällen. Die zentrale Frage ist, ob eine Amputation oder eine künstlich herbeigeführte Lähmung bei schweren BIID-Erkrankungen, wo eine Psychotheraphie keine Linderung mehr bringt, als „ultima ratio“, als letztmögliche Form der Heilung, anerkannt wird.
Bei der Beantwortung dieser Fragen kommt es zum Schwur.

Und weiter:
Die Schlüsselfragen

Ist BIID eine psychische Erkrankung oder ein extremer sexueller Fetisch?


Bereits vorstehend wurde auf die Unterschiede zwischen dem Wannabe-Phänomen und der BIID-Erkrankung hingewiesen. Diese Unterschiedung ist von grundlegender Bedeutung, um zu einer differenzierten Betrachtung zu gelangen.
Stellen Operationen bei BIID-Betroffenen nicht nur eine sehr extreme Form von Schönheitsoperation dar?

(„Die Eine lässt sich die Brüste vergrößern, die Andere das Bein verkürzen!“)

These:
Es kann nicht sein, dass man von einem Arzt verlangt, ein gesundes Bein zu amputieren!

Die Forderung an einen Arzt, ohne Not ein gesundes Körperglied zu entfernen, widerspricht jeglichem Selbstverständnis der Medizin.
Aber:
Würden Operationen an BIID-Erkrankten „ohne Not“ und an einem „gesunden Körperglied“ ausgeführt?

Kann es möglich sein, dass ein physisch gesundes Bein psychisch krank macht? Dies würde bedeuten, dass das gesunde Bein (oder der Arm, ….) bei BIID-Betroffenen zur Krankheitsursache würde.
Wenn also ein Arzt einem solchen schwer an BIID erkrankten Patienten ein Bein abnimmt, was macht er in diesem Moment?
Amputiert er ein gesundes oder ein krank machendes Bein?
Heilt er einen psychisch kranken Patienten oder führt er eine mehr als verquere Schönheitsoperation aus?
Verstümmelt er einen Patienten ohne Not oder ist die Operation eine notwendige Heilung?
Die Beantwortung dieser Fragen ist von grundlegender Bedeutung.
These:
Es kann nicht sein, dass man durch eine bewusst hergestellte Schwerbehinderung glücklich sein kann!

Veränderte Körperbilder? Die Operation von BIID-Betroffenen scheint allein schon deshalb völlig unakzeptabel, weil jede Amputation oder die vorsätzliche Herstellung einer Querschnittlähmung als „Verstümmelung“ gesehen werden. Schließlich scheint es einen allgemeinen Konsenz in der Gesellschaft darüber zu geben, wie der perfekte, gesunde, nicht behinderte Körper auszusehen hat.
Alle Abweichungen davon werden als Makel verstanden, Diese Einschätzung scheint objektivierbar. So herrschen feste Vorstellungen, welche Abweichungen vom körperlichen Idealbild als Behinderung einzustufen sind.
Aber ist diese Einschätzung wirklich so klar, wie es allgemein scheint? Menschen, denen beispielsweise von Geburt an Gliedmaßen fehlen oder Lähmungen besitzen, haben von sich keineswegs zwingend das Bild, in einem inperfekten Körper zu stecken.
Nun wird man einwenden, eine Person, der von Geburt an eine Behinderung besitzt, kennt halt kein anderes Körpergefühl. Wodurch soll die Unvollständigkeit fühlbar werden? So wird die Behinderung eher durch das behindert „werden“ und nicht durch das behindert „sein“ erfahren.
Aber es finden sich auch Aussagen von Menschen, bei denen sich eine Behinderung in späteren Jahren durch Unfall oder Krankheit einstellte, wonach auch sie mit der Zeit ein neues Körpergefühl entwickelten.
Alle dies deutet darauf hin, dass es durchaus unterschiedliche Vorstellungen davon geben kann, wie ein „perfekter Körper“ auszusehen hat.
Wenn man dies nun konsequent weiter denkt: Kann es sein, dass BIID-Betroffene ein von der „Norm“ abweichendes Körperbild in sich tragen, dass für sie „perfekt“ ist und zu dem eben nur ein Bein oder gelähmte Beine gehören?
These:
BIID-Betroffene leben nicht auf einer einsamen Insel sondern belasten das soziale Umfeld!

Sebstbstimmungsrecht der BIID-Betroffenen

Wie weit reicht das Selbstbestimmungsrecht am eigenen Körper?
Besitzt der BIID-Betroffene ein Recht auf „Verstümmelung“ des eigenen Körpers, wenn er dadurch selber „Entlastung“ und „Heilung“ verspürt?
BIID-Betroffenen wird vorgeworfen, sie würden bedingt durch ihre selbst herbei geführte Behinderung ihr soziales Umfeld belasten.
Dieser Einwurf ist nicht von der Hand zu weisen und Betroffenen ist dies auch durchaus bewusst.

Beispiel:
Ein BIID-Betroffener sieht sich selber querschnittsgelähmt und hat durchaus eine Möglichkeit gefunden, diesen Wunsch realisieren zu lassen. Ihm ist jedoch klar, dass er seinen Beruf verlieren würde. Auch wäre ein Wohnen in der bisherigen Wohnung nicht mehr möglich und er würde als Rollstuhlfahrer die Familie erheblich belasten. Trotz des sehr hohen Leidensdrucks vollzieht er den so ersehnten Schritt daher nicht, was ihn wiederum erheblich belastet.

Kann die Operation eines BIID-Patienten also alleine schon deshalb keine Lösung sein, weil die Behinderung auch auf das soziale Umfeld des Betroffenen Auswirkungen hat?

Oder darf eine solche Operation nur durchgeführt werden, wenn das Umfeld diese Entscheidung mit trägt?

These:
Es kann nicht sein, dass BIID-Betroffene mir ihrer bewusst geschaffenen Schwerbehinderung das Sozialsystem belasten!

Die Gesellschaft versucht – mal besser und mal schlechter – die aus einer Behinderung erwachsenen Nachteile und Beeinträchtigungen auszugleichen.
„Gesellschaft“ kann dabei das direkte soziale Umfeld (Familie, Freundeskreis) aber auch der Staat sein. Der Ausgleich kann u,a. bestehen aus erhöhter Zuwendung, Hilfe und Pflege oder beispielsweise aus finanziellen Hilfen. In einer solidarischen Gesellschaft entspricht dies moralischer Verpflichtung.

Aber besteht diese Verpflichtung auch gegenüber BIID-Betroffenen?
„Es kann doch nicht sein, dass eine Krankenkasse Jemandem, der sich sein Bein freiwillig hat abschneiden lassen, anschließend die Prothese bezahlen muss!“
Nun, wenn man Operationen bei BIID-Betroffenen als sehr verquere Form von Schönheitsoperation einschätzt, wäre dies mehr als fraglich. Versteht man eine Operation aber als notwendige Form der Theraphie bei einer psychischen Erkrankung, dann ändert sich der Blickwinkel. Hat ein BIID-Erkrankter, der nur durch eine Amputation von seinem psychischen Leiden geheilt werden kann, weniger Recht auf medizinische Versorgung als ein unverantwortlicher Autobahnraser, der bei einem selbst verschuldeten Unfall sein Bein verloren hat? Nun wird der BIID-Betroffene sofort einwenden, dass er keineswegs der Gesellschaft zur Last fallen oder gar „echten“ Behinderten Vergünstigungen oder Hilfen streitig machen will.
Aber ist dies realistisch?
Müsste man von BIID-Betroffenen vor der Operation unterschreiben lassen, dass sie auf jegliche finanzielle und sonstigen Hilfen verzichten und auch für alle aus Folgeerkrankungen entstehenden Kosten selber aufkommen?
Kann man das so trennen?
Spielen wir den Gedanken weiter.
Die Gesellschaft hätte akzeptiert, dass BIID-Betroffene eine veränderte Körperwahrnehmung besitzen und die Medizin hält die Ausführung der „Veränderungen“ für ethisch vertretbar. Dann müsste zwischen „echten“ und „unechten“ Behinderungen unterschieden werden.
Personen mit „echten“ Behinderungen, die sich also beispielsweise durch vorgeburtliche Schädigung, Unfall oder Krankheit eingestellt haben, hätten somit das Anrecht auf die Fürsorge und Unterstützung der Gesellschaft. BIID-Betroffene als „unechte“ Behinderte hätten einen solchen Anspruch nicht.

Was würde dies in der Praxis bedeuten?

• BIID-Betroffene hätten keinerlei Ansprüche auf medizinische Leistungen. Alle (Folge-)Erkrankungen, die aus der Operation erwachsen, aber auch alle Hilfsmittel wären nicht durch das Krankenkassensystem gedeckt.

• Alle Hilfen im öffentlichen Raum, wie beispielsweise Behindertenparkplätze oder rollstuhlgerechte Plätze in Kinos dürfen die „unechten“ Behinderten den „echten“ Behinderten nicht wegnehmen.

Aber mit welchem Recht würde diese Trennung geschehen?

Entweder ist BIID eine anerkannte psychische Erkrankung und die Operation eine zulässige Form der Theraphie, dann darf es diese Trennung nicht geben. Oder aber BIID ist keine Erkrankung und die Operation stellt keine „Heilung“ dar. Dann darf sie erst gar nicht ausgeführt werden.

These:
Wie sollen BIID-Betroffene ein Leben lang mit einer Lüge über die wahre Ursache ihrer Behinderung leben können?

Hoffnung auf Akzeptanz

Eine viel diskutierte Frage ist, ob mittelfristig ein Grad von Akzeptanz erreicht werden kann, der einen objektiveren Umgang mit dem sehr schwierigen Phänomen BIID ermöglicht. Dabei ist zwischen der Akzeptanz in der Ärzteschaft (bzw. dem Gesundheitssystem) und der Gesellschaft zu differenzieren.
So setzen die BIID-Betroffenen darauf, dass zumindest innerhalb der Ärzteschaft die Akzeptanz soweit zunimmt, dass BIID als psychische Krankheit anerkennt wird, so dass eine Behandlung ermöglicht wird. Dies bedeutet aber noch lange nicht, dass sich diese Akzeptanz auch in der Gesellschaft schaffen lässt.
Ist aber die Ärzteschaft bereit, Dinge zu akzeptieren, die auf keinen gesellschaftlichen Konsens treffen ?

Lebenslüge BIID

Soll daher die gewünschte Operation zwar legal aber unter Verschweigung des wahren Grundes durchgeführt werden?

Beispiel:
Man stelle sich vor, ein BIID-Betroffener kommt nach seiner erfolgreichen Operation im Rollstuhl an seinen Arbeitsplatz zurück. Die Kollegen sind zu tiefst erschrocken. Auf die Frage nach der Ursache teilt der Betroffene dann mit, dass er schon immer querschnittelähmt sein wollte und sich nun habe das Rückenmark durchtrennen lassen.
Es ist wohl unrealistisch, in solchen bzw. ähnlichen Fällen mittelfristig auf Verständnis zu hoffen.
Erfolgreiche BIID-Betroffene, die es auf illegalem Wege geschafft haben, operiert zu werden, konstruieren komplizierte Lügengeschichten um zu erklären, warum sie plötzlich schwerbehindert leben müssen. Dies wäre vermutlich auch dann erforderlich, wenn die Operationen „auf Krankenschein“ ausgeführt werden könnte. Dies würde bedeuten, dass man weiterhin seine Umwelt über die BIID-Erkrankung und die wahren Ursachen der Behinderung belügen müsste. Damit stellt sich die Frage, ob eine Operation wirklich zu der erwarteten „Entlastung“ führt, wenn das Leben gleichzeitig von einer „Lüge“ getragen wird.

These:
Was ist, wenn sich die erhoffte Heilung nicht einstellt?

„Ihr habt keine Ahnung was es bedeutet, mit einem Bein leben zu müssen!“, wird BIID-Betroffenen von Menschen mit Behinderungen vorgeworfen.
Bei Wannabes scheint tatsächlich recht häufig ein naives und idealisierendes Bild vom Leben mit einer Behinderung vorzuherrschen.
Für BIID-Betroffene gilt dies in den seltensten Fällen.
Sie kennen in der Regel alle Auswirkungen, alltäglichen Einschränkungen und Folgeerkrankungen im Detail. Ihnen ist bewusst, dass die erhoffte Operation objektiv mit der Abnahme von Lebensqualität einhergehen kann, obwohl BIID-Betroffene in einer Operation für sich selber eine Erhöhung der Lebensqualität sehen.
Einige BIID-Betroffene versuchen sich besonders intensiv mit den negativen Auswirkungen einer Operation zu beschäftigen, um ähnlich wie bei einer Schocktherapie von den BIID-Gefühlen befreit zu werden.
Wirkung zeigt dies in aller Regel nicht.
Aber was ist, wenn sich die erhoffte Heilung nicht einstellt?
Noch so intensives Pretenden kann die gewünschte Behinderung nicht simulieren.
Was ist, wenn der Betroffene einem Phantom hinterher läuft?
Die von BIID-Betroffenen gewünschten Operationen sind schließlich nicht reversibel.
Andererseits weiß man von illegal operierten BIID-Betroffenen, dass sich „Heilung“ einstellt. Sie zweifeln nicht daran, dass die Operation ihnen individuell geholfen hat. und „gut tut“. Die Operation führt zu dem Körper, der dem Körpergefühl entspricht. Wenn dies denn für einen speziellen Personenkreis so ist, muss eine Gesellschaft dies nicht akzeptieren, oder darf die Gesellschaft an alle Menschen die gleichen Maßstäbe legen?

Beispiel Transsexualität

Von wenigen Grenzfällen abgesehen, ist ja nun mal recht einfach festzustellen, wer männlich und wer weiblich ist. Nun aber gibt es aber Menschen, die weiblich empfinden, jedoch in einem männlichen Körper stecken, und umgekehrt. Sie empfinden das Geschlecht ihres Körpers als Fremdkörper, fühlen sich im Körper des anderen Geschlechts gefangen.

Transsexualität zeigt auffällige Parallelen zur BIID-Problematik. Tatsächlich ziehen BIID-Betroffene selber häufig den Vergleich zur Transsexualität. So wird auch der Begriff „transable“ für BIID benutzt. Ebenso wie Transmänner und Transfrauen gezwungen wären, im Körper des anderen Geschlechts zu leben, empfinden BIID-Betroffene, dass sie in einem Körper leben, an dem sie Teile als fremd oder sogar abstossend empfinden.
Die Frage ist nun tatsächlich, ob der Umgang mit dem Phänomen der Transsexualität „Muster“ und „Vorbild“ für den Umgang mit BIID sein kann.
Transsexuelle spüren, dass sie „falsch ticken“ und versuchen, ihr Denken der körperlichen Geschlechtlichkeit anzupassen. Wenn der Körper nun einmal männlich ist, dann muss man sich halt zwingen, männlich zu denken und zu fühlen. So versuchen beispielsweise Frauen, die in einem männlichen Körper stecken, besonders männlich zu wirken. Sie reden sich selber ein, dass der „Tick“ nachlässt, wenn man nur lange und intensiv genug die Rolle des körperlichen Geschlechts spielt. Oft weiß selbst das nahe soziale Umfeld nichts von der Gefühlswelt der Betroffenen.
Es hat sehr lange gedauert, bis man erkannt hat, dass es nur schwer gelingt, die psychische Wahrnehmung dem Körper anzupassen. Man hat eingesehen, dass es Fälle gibt, wo es notwendig ist, den Körper der Psyche anzupassen. Ist dies bei BIID-Erkranten ebenso?
Die Gesellschaft hat lange gebraucht, um zu erkennen, dass es grundsätzliche Unterschiede zwischen Transvestiten und Transsexuellen gibt. Auch heute noch werden beide Phänomene kräftig durcheinander geworfen.

Gilt es so etwas wie

Transvestiten <> Wannabes
Transsexuelle <> BIID-Betroffene

Fast neidisch wird beobachtet, dass es transsexuellen Männern und Frauen (Transmännern und Transfrauen) nach einem langen und steinigen Weg endlich gelungen ist, auf legalem Wege das Geschlecht dem eigenen Empfinden durch geschlechtsangleichende Maßnahmen anzupassen. Bis eine solche Anpassung letztendlich vollzogen wird, haben die Betroffenen verschiedene Stationen zu durchlaufen, die zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber allgemein angeraten werden.
Typische Elemente sind:

Am Beginn steht in der Regel eine Therapie, die abklärt, ob tatsächlich eine transsexuelle Orientierung vorliegt. Gleichzeitig soll die Therapie helfen, den langwierigen und nicht immer einfachen Weg zum anderen Geschlecht zu unterstützen.
Zusätzlich werden zwei unabhängige Gutachten eingeholt, die die Diagnose zu bestätigen haben.
Im Rahmen des Alltagstests, der vor oder parallel zu einer Hormonbehandlung stattfindet, springen die Betroffenen bereits in die „neue“ Geschlechtsrolle.
Erst danach erfolgen schrittweise die geschlechtsanpassenden Operationen.

Eine Vision

Die Frage ist, ob ein solches Verfahren grundsätzlich auch bei BIID-Erkrankten denkbar ist. Vielleicht in dieser Form:

Am Beginn müsste eine psychotherapeutische Behandlung stehen, die insbesondere abklärt, ob wirklich eine BIID-Erkrankung oder nicht „nur“ starke Wannabe-Phantasien vorliegen.
Dann wäre zu versuchen, ob der Leidensdruck nicht durch die Psychotherapie allein zumindest auf ein erträgliches Maß reduziert werden kann.
Gelingt dies nicht, dann wären zwei weitere Gutachten einzuholen, die die Diagnose bestätigen.
Die Frage ist, ob mit medizinischen Mitteln, wie beispielsweise befristeten lokalen Betäubungen eine Art Alltagstest, durchgeführt werden könnte, so dass in dem Verfahren immer noch einmal eine „Notbremse“ vorhanden wäre.
Erst danach wäre dann eine entsprechende Operation denkbar.

Aber dies ist reine Zukunftsmusik!








 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
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